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Die Ausstellung der Schreibwerkstatt Klingspor Offenbach im Jahre 1991
Vom 23. August bis zum 22. September 1991 fand im Klingspor-Museum in Offenbach am Main die Ausstellung "Kalligraphie '91" der Schreibwerkstatt Klingspor Offenbach statt.
Der Einladung zur Teilnahme an der Ausstellung waren 61 Mitglieder der Schreibwerkstatt Klingspor Offenbach gefolgt, von denen 91 Arbeiten für die Ausstellung ausgewählt wurden.
Die Organisation lag in den Händen aktiver Mitglieder der Schreibwerkstatt mit einer breiten Unterstützung dieses Vorhabens durch das Klingspor-Museum.
Zur Ausstellung erschien ein Katalog mit 95 Seiten in einer Auflage von 1000 Stück.
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Das Vorwort schrieb Prof. Karlgeorg Hoefer.
Liebe Schriftfreunde,
fast ein Jahrzehnt ist vergangen, seit die "Schreibwerkstatt für Jedermann" in Offenbach sich erstmals der Kritik in einer Ausstellung im Klingspor-Museum stellt. Seit vier Jahren haben sich Mitglieder in einem eingetragenen Verein als Förderkreis internationaler Kalligraphie in Offenbach
verbunden.
Die ausgestellten Blätter und Objekte zeigen freigesetzte Kreativität und Schulung, wobei bedeutende Gastdozenten aus Ost- und West die Fähigkeiten der Schreiber bereicherten. Allen Künstlern, Mitarbeitern und den Förderern des Vereins, die den Druck dieses Kataloges
ermöglichten, danke ich herzlich.
Gleichzeitig bitte ich die Mitglieder und Freunde, in ihrer Aktivität nicht nachzulassen. Den Besuchern dieser Ausstellung wünsche ich eine persönliche Bereicherung und viel Freude.
23. August 1991 Prof. Karlgeorg Hoefer
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Das einführende Referat hielt Prof. Albert Kapr, Leipzig:
"Sehr geehrte Damen und Herren,
Kalligraphie mit 'Schönschreiben' zu übersetzen, würde ihr Wesen nicht erklären, sie ist mehr und anders als das pedantische Nachschreiben von Schreibmeisterformen. Kalligraphie ist immer mit Ausdruck und Sprache verbunden, mit musikalischer, bildhafter, literarischer und tänzerischer
Sprache. Das Ich will sich ausdrücken, will eine Botschaft aussenden, die natürlich den Zweck verfolgt, vom Empfänger verstanden zu werden.
Das Niveau der geschriebenen Schrift war im vergangenen Jahrhundert auf einen Tiefstand gesunken.
Man gibt der metallenen Schreibfeder, der Schreibmaschine und der Kulturlosigkeit des Industriekapitalismus die Schuld. Ich vermute die Ursachen in früherer Zeit. Nach der Erfindung des Johann Gutenberg verlagerte sich die Schriftkunst in die Druckereien und Schriftgießereien und entfernte sich damit vom öffentlichen Verständnis. Es kam zu dem fragwürdigen Lob, dass jemand schreiben könne, wie gedruckt. Der ästhetische Ausdruck wurde vernachlässigt, von sachlichen, technischen und materiellen Wertungen überlagert.
Erst das Querdenken und Vorausdenken eines William Morris führte am Ende des vergangenen Jahrhunderts zu einer Besinnung über die Kunst des Schreibens. Er und sein Freund Edward Johnston knüpften an bei der Schreibkultur des Mittelalters, bewegten aber zugleich eine zukunftsweisende
Entwicklung. In England vor allem, auch in Deutschland, Holland, Österreich und den USA entstand jene Kunstgewerbe-Bewegung, in der sich auf dem Gebiet der Schrift Anna Simons, Fritz Helmut Ehmcke, Emil Rudolf Weiß, Walter Tiemann, Rudolf von Larisch, Ernst Schneidler und hier in Offenbach Rudolf Koch profilierten. Durch diese Pioniere wurde für die Schrift- und Buchkultur und die Bildung des Geschmacks damals Bedeutendes geleistet.
Etwa zur selben Zeit interessierten sich in Frankreich, auch angeregt durch Ausstellungen über ostasiatische Kunst, Dichter wie Guillaume Apollinaire mit seinen Kalligrammen und Maler wie George Braque, Max Ernst und Paul Klee für die Schrift in der Kunst. Ihnen ging es nicht um Lesbarkeit, sondern um das bildnerische Anliegen, um fließende Übergänge zu Malerei und Graphik. L'art nouveau und Jugendstil bewegten Architekten und Maler, regten auch an zum Entwurf von Satzschriften. Das Bauhaus und die elementare Typographie lehnten das Schreiben als unzeitgemäß ab, und nach den großen Erfolgen der Ideen des Bauhauses in den USA, erschien es mir frappierend, dass in der Neuen Welt das Interesse an der Schreibkunst wieder gewachsen sei. Nun spricht man von einer Welle der Kalligraphie, die von Amerika kommend Europa erreicht hat und in verschiedenen Ländern zur Herausgabe von Büchern und Zeitschriften über Kalligraphie, zu Ausstellungen, Workshops und zur Bildung von Vereinigungen führte. Kaum jemand kann den Charakter dieser Bewegung besser beschreiben als Hermann Zapf und Karlgeorg Hoefer, die beide auf verschiedenen Ebenen, Lehrveranstaltungen in den USA durchgeführt haben. Karlgeorg Hoefer interpretierte das erstaunlich große Interesse an der Kalligraphie in den USA mit der Abneigung vor allem von Studenten gegen die Manipulation der Menschen durch die Industrie-Gesellschaft, die keine beruflichen Möglichkeiten anbietet, die Hände auch kreativ zu gebrauchen. Er meinte, dass die Datenerfassung durch maschinenlesbare Schriften, die Reduzierung der Arbeit auf das Drücken von Knöpfen in vielen Menschen eine Leere zurücklässt.
Es sind vielfach Laien, die in dieser Welle der Kalligraphie mitschwimmen. Es gibt sowohl dichtende, malende, fotografierende und musizierende Laien, wie es Bürger der verschiedenen Berufe gibt, die ein künstlerisches Hobby betreiben. Vielleicht ist es zu einfach, an das Verhältnis von Massen- und Spitzensportlern zu erinnern. Spitzensportler geben der Jugend Anlass, ihnen in ihrer Sportart nachzueifern, andererseits sind es dieses
Sportbegeisterten, die ihre Meister zu noch besseren Leistungen anspornen. Erst durch ein breites öffentliches Interesse entsteht das fruchtbare Klima für große künstlerische Leistungen.
Hier ist das Wirken des Klingspor-Museums zur Förderung der Kalligraphie für das ganze Deutschland von Bedeutung. Natürlich erwartet der Besucher von jedem Blatt, das im Klingspor-Museum ausgestellt wird, eine hohe oder ausreichende Qualität. Aber solche Qualität ist nicht allein den Professoren und Schriftgraphikern vorbehalten.
Über die Bedeutung der Volkstümlichkeit und eines kalligraphischen Klimas vermittelte mir eine Reise nach China unvergessliche Eindrücke. Das chinesische Fernsehen übertrug eine abendfüllende Veranstaltung von der Kunst des tanzenden Pinsels. Von den verschiedenen Kalligraphie-Ausstellungen möchte ich die der bekanntesten japanischen Politiker herausheben, die von Besuchern überfüllt war, und deren wichtigstes Thema in der Frage mündete, ob die Chinesen oder die Japaner in diesem Vergleich die besseren Leistungen zu zeigen hätten.
In Peking hörte ich auch von Kalligraphieklubs der Senioren, die jeden Morgen ein Blatt zu schreiben sich vorgenommen haben, zu dem sie am vorausgegangenen Tag den Text ausgesucht und dessen Interpretation geistig vorbereitet hatten. Solches Schreiben und gelegentliche Aussprachen in den
Gruppen verfolgt nicht nur ästhetische, sondern auch therapeutische Ziele.
Kontemplation bewegt die ostasiatischen Kalligraphen. Das Schreiben bedeutet nicht nur Routine und Können, sondern Beschäftigung mit Literatur und Dichtung, mit deren Wertung und Interpretation sowie der Erprobung der eigenen künstlerischen Kraft. Der intellektuellen Klärung folgt vor dem
Schreiben eine geistige Konzentration, das Xi gong, eine Ansammlung des Blutes im Sonnengeflecht und Lenkung in die Schreibhand, die dann unbewusst und fast traumhaft die vorher bedachten Schreibbewegungen, Druckstellen und Pausen durchführt. So wird jedes Blatt zum geschriebenen Abenteuer, dessen Nachvollziehen und Nachspüren dem Betrachter ästhetisches Vergnügen bereitet, und dem Schreiber Selbstbestätigung einbringen oder
und den Wunsch zum neuen Abenteuer auslösen kann. Nun wäre wohl der Einwurf angebracht, dass die bildhaften Zeichen der chinesischen und japani-
schen Schrift mehr ästhetische Deutungsmöglichkeiten bieten, als die Lautzeichen der lateinischen Schrift. Zweifellos ist dies richtig. Doch auch in der arabischen Lautschrift entstanden in jüngster Zeit beachtliche Kunstwerke der Schrift. Und die vielen Beispiele der Karolingerzeit, der Gotik und der Renaissance beweisen, dass auch mit unserer lateinischen Lautschrift kalligraphische Leistungen von künstlerischem Wert entstehen können. Ein immer wieder neues Nachdenken über die historische Rolle der Schriftkunst und ihre Ausdrucksmöglichkeiten könnte der Kalligraphie aus jener Nische
herausführen, in die sie von der offiziellen Kunstkritik gedrängt wurde.
Ich hoffe, es wäre ein Stück Wahrheit in den Berichten über die kalligraphische Welle, die von Amerika ausgehend Europa erreicht hat. Die Ausstellung der Schreibwerkstatt Klingspor Offenbach, Förderkreis internationaler Kalligraphie, wird auch darüber Auskunft geben. Ebenso in den Ländern Osteuropas, in Tallin und Riga, in Sofia, Budapest, Warschau, Kiew, Krasnodar und im fernen Irkutsk regen sich Kräfte für die Kalligraphie. Vielleicht könnte die Ausstellung auch Anlass sein, dass sich die Kultusminister der Länder mehr für die Pflege der Schrift in den Schulen einsetzen und das kultivierte persönliche Schreiben allgemein Ansehen und Interesse gewinnt.
Ich wünsche der Ausstellung viele Besucher, sowie Unterstützung der Kunstkritik und der Medien. Möge sie zu einer Hebung der künstlerischen Qualität, zu öffentlichen Diskussionen, zu einer Verbreitung der Kalligraphie und zu ästhetischem Vergnügen beitragen."
23. August 1991 Prof. Albert Kapr
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Die Ausstellung der Schreibwerkstatt Klingspor Offenbach im Jahre 1997
Vom 8. Oktober bis zum 9. November 1997 fand im Bürgerhaus Sprendlingen im Kreis Offenbach eine Kalligraphie-Ausstellung unter dem Titel "Faszination Schrift" der Schreibwerkstatt Klingspor Offenbach statt. Vierzig Kalligraphen zeigten 80 Schriftbilder, Bücher und Objekte aus ihrem künstlerischen Schaffen. Zehn Jahre nach ihrer Gründung durch Professor Karlgeorg Hoefer wurden die Ziele der Vereinigung deutlich sichtbar.
Einmal geht es um das Bewahren und Weitergeben des Kulturgutes Schrift. Dazu ist die Beherrschung der historischen Formen nötig, besonders, wenn sie im Sinne von Information Verwendung finden sollen. Aber nicht allein Schönheit und Exaktheit antiker Buchstaben faszinieren den Schreiber. Vielmehr wird die Modifikation der Zeichen nach eigenen Empfindungen interessant.
So wird Schrift zum Bild, enthält den "ductus" des Kalligraphen und eine individuelle Mitteilung, die keine unmittelbare Lesbarkeit erfordern. Das Angebot der Ausstellung war vielfältig. Von Gestaltungsübungen mit der eigenen Handschrift über exakte Textverarbeitung mit historischer Schrift bis zu freien und abstrahierten Schriftzügen wurden sehr subjektive Interpretationen ausgewählter Lyrik präsentiert. Neben traditionellen Schreibwerkzeugen fanden neue, zum Teil selbstgefertigte, Verwendung und die übliche Textgestaltung im herkömmlich typographischen Sinn wurde durch die Verwendung der Farbkomponenten aufgelockert. Besonders sensiblen Umgang mit Formen und Farben zeigten auch die selbstgestalteten Bücher.
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Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb:
... Ob von Dozenten oder langjährigen Teilnehmern der regelmäßigen Kurse: Die kleine Jubiläumsschau zeigt ein breites Spektrum individueller Könnerschaft, künstlerischer Vorlieben und unterschiedlichster Techniken. Abstrakte Kompositionen finden sich dabei ebenso wie einfühlsam gestaltete Texte der Weltliteratur.
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Die Ausstellung der Schreibwerkstatt Klingspor Offenbach im Jahre 2001
Vom 9. November bis zum 2. Dezember 2001 fand in der "Galerie im Turm" der Energieversorgung Offenbach AG eine Ausstellung der Schreibwerkstatt Klingspor Offenbach statt, die an die ersten "Schreibkurse für Jedermann" erinnern sollte, die Professor Karlgeorg Hoefer 20 Jahre zuvor in Offenbach ins Leben gerufen hatte.
Von 70 Mitgliedern der Schreibwerkstatt waren 80 kalligraphische Arbeiten aus den vergangenen Jahren zu sehen.
Zur Ausstellungseröffnung am 8. November 2001 hatte die Energieversorgung Offenbach AG,die das Vorhaben finanziell und organisatorisch in großzügiger Weise unterstützte, Kunstfreunde, im besonderen Freunde der Kalligraphie aus Offenbach und Umgebung sowie die Mitglieder der Schreibwerkstatt eingeladen. Nach der Begrüßung durch die Geschäftsleitung wurde die Ausstellung mit einem einführenden Vortrag von Herrn Prof. Dieter Lincke von der Hochschule für Gestaltung in Offenbach eröffnet:
"Zwanzig Jahre Schreibwerkstatt bedeuten 20 Jahre Lust am Schreiben und von dieser Lust möchte ich Ihnen heute etwas berichten.
Es ist nicht selbstverständlich, dass ernsthafte Menschen sich nach aufreibenden Tagesgeschäften vor ein edles Blatt Papier setzen und alleine oder in Gesellschaft zu schreiben beginnen.
Denn im täglichen Miteinander der Geschäftsbeziehungen ist das Handschriftliche ja eher obsolet geworden und mit der Hand geschriebene Geschäftskorrespondenz ruft bei Empfänger - gelinde gesagt - Erstaunen hervor, besonders, wenn sie auch noch leserlich ist.
Nun will ich nicht gleich in Kulturpessimismus verfallen, denn die Verdrängung und der Bedeutungsverlust der mit künstlerischem Anspruch geschriebenen und gelehrten Gebrauchshandschrift, wie wir sie noch bei den barocken Schreibmeistern in Blüte finden, begann schon Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch den immer stärker werdenden Einfluss von wirtschaftlichen Interessen in der beginnenden industriellen Revolution, wo die geschäftlichen Bedürfnisse schon damals den rationalen und rationelleren Druckschriften eine immer größer werdende Bedeutung zugewiesen. Neu in unserer Zeit ist, dass selbst die Handschrift für den persönlichen Gebrauch und als intime Vermittlerin von Botschaften an andere durch PC's und E-Mails an Bedeutung zu verlieren scheint.
Warum, um meine anfängliche Frage wieder aufzugreifen, gibt es dennoch eine starke Bewegung, sich mittels der Kalligraphie ein eigenes Ausdrucksrepertoir anzueignen? Kalligraphie, so meine These, bietet dem Laien einen direkten Zugang zu kreativem Tun als z.B. die Bildende Kunst oder andere vergleichbare Tätigkeiten: Ihre Ausgangsformen, das Alphabet, hat jeder in der Schule gelernt, die Schriftzeichen sind vertraut, sie werden als Informationsträger ständig im Alltag verwendet und dadurch ist die Hemmschwelle, diese Zeichen für persönliche Bedürfnisse zu verändern, nicht so hoch, wie das z.B. deutlicher beim Malen und Zeichnen der Fall ist, besonders dann, wenn die realistische Annäherung an das Motiv angestrebt wird. Aus diesem Grund hatte Karlgeorg Hoefer, der Gründer und langjährige Lehrer und Professor für Schrift an der Hochschule für Gestaltung Offenbach, oftmals die persönliche Handschrift für den
Einstieg in eine bewusstere Auseinandersetzung mit Schrift gewählt. Die Beschäftigung mit Schrift bietet neben pragmatischem Nutzen der Verständigung untereinander alles, was zur kreativen Entfaltung des Menschen wesentlich ist. Er gewinnt durch sie Einblicke in die Gesetzmäßigkeiten von Proportionen, ein Gefühl für Spannung und Entspannung, für Harmonie und Dissonanz. Er entdeckt seinen eigenen Rhythmus in der Bewegung der Hand, des Armes und des ganzen Körpers bei Schreiben. Er begreift, wie wichtig dieses sich öffnen für ihn ist, um eigene Schritte zu wagen, um gerade bei der Mehrzahl fremdbestimmter Tätigkeiten wieder Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu gewinnen. Wir alle erleben in einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem das Bild zwar eine immer stärkere Dominanz und Allgegenwärtigkeit gewinnt, dieses Bild aber nicht mehr als selbst erfühlt und erfunden, sondern ein künstliches von außen kommenden Produkt ist.
Die negativen Folgen dieser Bilderschwemme zeigen sich darin, dass viele Menschen ihre Umwelt nur noch durch die Brille dieser vorgefertigten Bilder sehen können. Um urteilsfähig zu werden, um Gefühl und Verstand in Einklang zu bringen und sich ein eigenes Bild von der Welt zu machen, bedarf es neben der intellektuellen auch und gerade heute wieder der sinnlichen Erfahrung. Und so etwas kann z.B. die Kalligraphie leisten. Was bringt sie, das "Schöne Schreiben", dem an Gewinn, der sie zu seiner Gefährtin erwählt?
Ich meine damit nicht die zuckersüßen Früchte der Bewunderung, die jenen zufallen, die ihrer Verwandtschaft mit Glückwunschkarten in flotter Cancelleresca geschrieben überraschen. Ich meine damit auch nicht die Fleißarbeiten, bestehend aus antrainierten historischen Formen, die seelenlos für Sinnsprüche verwendet werden. Dagegen meine ich den Gewinn an innerer Freude und Zufriedenheit, der entsteht, wenn etwas gelungen ist, was zuvor undenkbar schien. Wenn das zunächst diffuse Fühlen und Wollen durch eine in ihrem Duktus beherrschte Spur auf dem Papier an Klarheit gewinnt und Ausdruck sich mit Inhalt verbindet. Ich meine die große Anspannung beim Schreiben langer Texte, wo ein Versagen, ein kleines Nachlassen der Konzentration alles zunichte machen kann, wo das Detail immer im Zusammenhang mit dem Ganzen gedacht werden muss.
Ich meine die Genugtuung, die entsteht, wenn der historische Formenkanon so verarbeitet wurde, dass er Grundlage für eigene Alphabete und Schriftvariationen wird. Ich meine, das Gespür, das für die Ausdrucksfähigkeit meiner schreibenden Hand entsteht, das mir Sicherheit und Vertrauen gibt fürs erste Aufsetzen der Feder auf der endlos scheinenden weißen Papierfläche. Und ich meine die Auseinandersetzung mit Texten, die sich durch interpretierende Schrift auf besondere Weise subjektiv erschließen lassen.
So betrachtet, entwickelt sich für ernsthaft Schreibende zum einen die persönliche Bereicherung durch kreatives Tun, zum anderen die Einsicht darin, dass Ausdruck, Schönheit oder Expressivität bezogen auf die Lesbarkeit einer Handschrift relativ zu betrachten sind, dass aber der alleinige Anspruch auf Lesbarkeit ohne Ausdruck und Formniveau der abstrakten Schriftzeichen keine künstlerische Qualität und Bedeutung hervorbringt. Ich danke den Mitarbeitern der Energieversorgung Offenbach sehr herzlich, dass sie den künstlerischen Energien der Schreibwerkstall Klingspor einen so guten Auftritt bereitet und alles zu deren ungehinderten Entfaltung beigetragen haben."
8. November 2001 Prof. Dieter Lincke
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In einem Wochenendkurs der Kurse der Schreibwerkstatt Klingspor war es die Aufgabe der Teilnehmer die Versalien eines Alphabetes bis die Grenze der Erkennbarkeit zu verfremden.
Unser Dozent Dietmar Fischer hat die Arbeiten für das Ausstellungsplakat und die Einladungskarte zusammengefügt.
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